Prolog

Das Paradies in der Hölle

Anshu Jain, der bis Juni 2015 Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank war, gehört der indischen Religion des Jainismus an. Die Anhänger dieser Sekte leben vegetarisch und gewaltfrei. Sie lügen nicht, sie stehlen nicht und besitzen nur das Lebensnotwendigste. Die Regeln sind so streng, dass selbst das Roden einer Kartoffel verboten ist, weil dabei Käfer sterben könnten. Das ist schön und zeigt: Das Himmelreich ist nah, wir müssen es nur wollen. Es existiert kein ich, wir alle sind eins. Doch da die Mitglieder der Sekte verhungern würden, müssen andere für sie das Gemüse ernten.

Nein, wie phantastisch! So lässt es sich fett werden! Ein schlechtes Gewissen gibt es nicht. Andere haben im Dreck gewühlt. Andere haben Mensch und Tier zermalmt. Andere ruinieren Städte und Regionen. Wir setzen nur einen Klick: unter Zinswetten, Hypothekengeschäfte, Zwangsvollstreckung und Nahrungsmittel-spekulation. Ein Kind verhungert? Wir waren unbeteiligt. Eine Familie wird vertrieben? Wir waren unbeteiligt! Ein Flüchtling ertrinkt? Verdammt, wir waren unbeteiligt!

Wir verhungern nicht. Wir werden fett. Wir haben ein gutes Gewissen. Wir schlafen gut. Wir haben niemandem etwas getan. Und die Bettler vor der Haustür? Wir haben keine Haustür. Unser Haus umgibt eine Rosenhecke. Für uns die Blüten, für die anderen die Dornen. Wir schlafen gut in unserer stahlverkleideten Sicherheit.

Da gibt es noch unsere Mitarbeiter. Jene, die allmorgendlich mit den Vorstadtzügen in die Bürohäuser fahren, den Kopf gebeugt, die Augen müd. Der Stöpsel steckt im Ohr, die Finger wischen übers Handy. Die wollen ständig was anderes hören und ständig was anderes sehen. Komisch. Die reißen sich zusammen, die raffen sich jeden Tag aufs Neue auf. Warum? Entfremdung – was ist das? Die Welt könnte doch ein Himmelreich sein – wenn sie es nur wollten.

Eine Revolution gibt es nicht. Gewalt? Das widerspricht unseren Gepflogenheiten. Depression? Uns geht es gut. Wir leben im Paradies. Wir sind alle eins. Nur ein ich kann depressiv werden. Wir nicht.

– Fortsetzung – Kapitel 25

Das i kannte einen Menschen, der sein Leben gut organisiert hatte. Sehr gut organisiert. Alles war geplant, alles war geregelt: Beruf, Politik, Privatleben. In dieser Reihenfolge.

An oberster Stelle stand für diesen Menschen natürlich der Terminkalender. Weil er Regeln und Gesetze über alles liebte war er Notar geworden, in seinen Arbeitsräumen war alles perfekt aufgeräumt: mächtiger Schreibtisch, stets sauber gespitzte Bleistifte, parallel aufgereiht, Grundbücher nach Alphabet geordnet in drei hohen Schränken, zu denen nur er die Schlüssel hatte. In seinen Terminkalender trug er ein, wann dieser oder jener gestorben war, welche Erbschaften darum verhandelt wurden, wann die Testamentseröffnung war usw. Grundstücksverkäufe wurden in den Terminkalender eingetragen, Hofübergaben, Entmündigungen, usw., usw. Der Mensch machte seine Sache sehr gut, er war ein tüchtiger Notar.

Er liebte Regelwerke, da konnte es nicht ausbleiben, dass er sich für den Staat, dem er diente, auch privat engagierte. So trat er in eine Partei ein, bald wurden herausragende Posten an ihn herangetragen, schließlich wurde er Stadtrat. Zu einer größeren Karriere in der Politik konnte er sich wegen seiner Liebe zum Notarberuf nicht entschließen.

Doch auch in seiner politischen Funktion machte der Mensch seine Sache ausgezeichnet und es kam ihm zugute, dass er einen so guten und durchorganisierten Terminkalender besaß. Das i lachte nicht selten spitzbübisch in sich hinein, wenn es ihn dabei beobachtete, wie er, den Kalender auf den Knien, voller Wonne und Selbstzufriedenheit auf seine Termine sah, den Kalender ein wenig von sich weggeschoben, die Brille auf der Nase, den Blick bedeutsam, zärtlich, mitteilsam, beinahe verschwörerisch in die Aufzeichnungen versenkt. Dann war er glücklich. Wie wichtig alles war und wie prall gefüllt sein Terminkalender! Wie er mit immer neuer Begeisterung Termine, die er bereits tausendmal gelesen hatte, ein weiteres Mal las. Er konnte einfach nicht aufhören, seine Termine anzuschauen. Wichtig war ihm, dass er dabei nicht alleine war. Dass andere von seinen vielen Terminen wussten, das war überhaupt das Allerwichtigste!

Wie er froh war, nicht der Termine wegen, sondern weil sie so zahlreich waren und wegen des Glücks, sie aufschreiben, sortieren und mitteilen zu können. Wie er dann vor Bedeutsamkeit und Glück schier platzte, und wie er plötzlich, weil er es nicht mehr aushielt und sich mitteilen musste, mit dem Handrücken auf eine der aufgeschlagenen Seiten klatschte und mit vor Stolz geschwellter Brust rief:

Da! Dritter September! Aufsichtsratstermin! Stadtwerke!“

Dabei kokettierte er oft mit dem damit verbundenen Stress und bemerkte nicht das Glück, das ihm, für jeden ersichtlich, aus den Augen sprang.

Gerne gestattete er dem i oder anderen Freunden und Bekannten Blicke in seinen übervollen Terminkalender. Und tatsächlich, die Seiten waren zum Bersten vollgeschrieben mit Stadtratssitzungen, Ortsterminen, Bürgersprechstunden usw.

Alles, alles schrieb der Mensch in seinen Terminkalender. Auch seine privaten Termine, die allerdings im Vergleich zu den anderen Leidenschaften (Beruf und Politik) einen eher geringen Platz einnahmen. Da stand dann „Einladung zum Essen beim OB“, „Vernissage in der Galerie soundso“, „Herr XY Frühschoppen“, „Besuch beim Arzt“, „Apotheke!!!“ usw., usw.

Eintragungen wie „Besuch beim Arzt“ und „Apotheke!!!“ begannen sich leider im Lauf der Jahre zu häufen, denn der Mensch wurde sehr krank. Er konnte nicht mehr richtig essen und magerte ab. Weil er so schwach und krank war, konnte er bald seine beruflichen und politischen Termine nicht mehr wahrnehmen, darum ließ er sich frühpensionieren und ging nur noch selten zu den Stadtratssitzungen. Doch das war nicht weiter schlimm, solange er seinen Terminkalender hatte, in den er seine anderen Termine schreiben konnte. Termine hatte der Mensch ja weiterhin, wie jeder Mensch. Das waren dann Termine wie „Herr XY anrufen“, „das i anrufen“, „Putzfrau kommt“ (sie kam jeden Donnerstag), „Fernsehsendung soundso“, „Kaffee kaufen“ usw. Der Mensch machte aus allem einen Termin. Zwar war er krank und mager, aber immer noch stolz, immer noch glücklich, wenn er in seinen Terminkalender sehen, zwischen den Seiten blättern und mit dem Handrücken draufschlagen konnte.

Er merkte gar nicht, wie krank er war. Wenn er rief: „Da! 14. November! Herr XY anrufen!“, dann lachte das i, aber nicht immer. Einmal weinte es auch.

Schließlich kam der Mensch in das Krankenhaus, wo er seinen dicken, prallgefüllten Terminkalender dicht neben sich auf sein Nachttischchen legte.

Zum Schluss kam der Mensch ins Hospiz, und die Pfleger wunderten sich über seinen prallgefüllten Terminkalender. Da stand dann mit krakeliger Schrift geschrieben: „Morphiumpflaster“, „Klistier“, „gestern Besuch von Herrn XY“, „ab morgen künstliche Ernährung“ usw.

Das i, das ihn im Hospiz besuchte, riet ihm, er solle für den nächsten Dienstag eintragen: „Tod“.

Ob er es tatsächlich eintrug, konnte das i nicht mehr in Erfahrung bringen, da es vor Dienstag keine Zeit mehr hatte, den Menschen im Hospiz zu besuchen. Und nach dem Dienstag hatte der Terminkalender keine Bedeutung mehr und wurde weggeworfen.

Denn der Mensch ist tatsächlich am Dienstag gestorben. Ist das nicht lustig?

Kapitel 24

Im Pulk

Nach dem Krieg, in dem zuvor, wie graue Wanzen auf einer großen, löchrigen, glimmenden Landkarte, deutsche Generäle im Pulk nach Osten gekrochen waren, nach Westen, Norden und Süden, mit dabei ihre Handgranaten, Kanonen, Mörser und Schützenpanzer, die sie in Eisenbahnwaggons an die Front karrten, auf Protzen, auf rostigen Loren, magere Pferde davor spannten, deren Gerippe aus der Haut stach, die im Schnee stecken blieben, die sie verrecken ließen und weiterzogen, immer an die Front, immer an die Front! – mit dabei auch ihre Hanfstricke, mit denen sie die Bauern auf die Bäume knüpften, ihre Spießruten, durch die sie die Deserteure laufen ließen, ihre Gewehrkugeln, die über die Dächer der Hütten pfiffen und in die Küchen schlugen – Maschinengewehrfeuer, Kanonenprotzen, Kanonendonner, krachende Bomben, Granattrichter, Uniformen, Erschießungskommandos, Kadaver, lebendig Begrabene, Millionen Heimatlose, Niemandsland, Ausgehungerte, Verstümmelte und Zerfetzte, verirrte Kinder, Krieg! Krieg! – wo immer sie sind, die Generäle, sie sorgen dafür, dass Deutschland nach vorn strebt, aber das Land zugleich nicht leer wird, sich nicht leert von den Mördern, sondern die Zurückgebliebenen noch mörderischer durchgreifen; sie planen Millionen Frauen, Kinder und Männer zu ermorden und tun es auch: morden in Hallen und Lagern und Höfen, auf Bahngleisen, unter Stacheldraht, in Mooren, in Steinbrüchen, auf Straßen; auch füllen die Generäle das Land wieder, mit Polinnen und Ukrainern, die sie geraubt und nach Deutschland entführt haben, weil diese dort, in Ermangelung der Pferde, deren Gerippe dreitausend Kilometer östlich im Matsch verrotten, die Pflüge ziehen, auch in den Munitionsfabriken Nachschub produzieren müssen; dann neue Schlachtfronten, Rückzüge und Siege, Blitzkrieg und Endsieg, Bombenhagel, Belagerungen, Hungersnöte, dann endlich Niederlage der Mörder und Befreiung! – nach dem Krieg also schwor sich einer der Generäle, der bei einem Heimaturlaub einen Sohn gezeugt hatte, sei es, weil die Niederlage ein Denkzettel war, sei es, weil ihm das Leben des Neugeborenen am Herzen lag, schwor sich jener General: Europa darf niemals mehr Schauplatz eines Krieges, niemals wieder Schlachtfeld werden!

Das i kann freilich nicht ahnen, dass damals diese Äußerung um die Welt ging, in den Zeitungen und Gazetten, und längst vergessen ist der Schreck und das tiefe Erbleichen aller, die auf allen anderen Kontinenten diese Drohung zur Kenntnis nehmen mussten. Das i liest nur die Tageszeitung, in der heute morgen eine Fotographie des Sohnes abgebildet war, jener Sohn jenes Generals, der natürlich selbst auch General geworden ist, zwar zeit seines Lebens arbeitslos, leider! (der Vater hatte geschworen), aber immerhin in der Zeitung gewürdigt, da er vor drei Tagen in den Ruhestand versetzt worden war.

Heute, an einem Samstag, machte das i am Vormittag eine Shoppingtour in der Stadt, in der es lebt, und kehrte dann zurück in seine Vorstadtsiedlung. Es ist Mai, um die Mittagszeit scheint die Sonne, und wie das i aus dem Bus steigt und auf der verkehrsberuhigten Straße unter blühenden Fliederbäumen nach Hause schlendert, die Einkaufstüten unterm Arm, während Kinder auf Fahrrädern an ihm vorbeischießen, kommt es an dem beliebten Caféhaus der Siedlung vorbei, der „Gartenlaube“. Das i hat Lust, hier Halt zu machen, sich zu setzen, die Einkäufe noch einmal durchzusehen, und dabei einen Cappuccino zu trinken und einen Bienenstich zu essen. Wie es um die Forsythienhecke biegt, die gelb blüht und leuchtet wie die Sonne, und die belebte Terrasse des Cafés betritt, sieht es schon Freunde und Nachbarn, die winkend auf sich aufmerksam machen. Doch die Freunde sind so zahlreich, und ihr Tisch ist so voll besetzt, dass das i beschließt, einen anderen Platz zu suchen und zunächst in aller Ruhe die Einkäufe zu sortieren. „Später!“ ruft es durch die hohle Hand, lacht und deutet auf die Einkaufstüten. Es steht da und schaut sich suchend um. Die Luft ist erfüllt von Stimmengewirr und Kinderlachen, es duftet nach Kaffee, zwischen den mit weißen Tüchern gedeckten Tischen, um die sich Menschen drängen, schieben sich Kellner. Das Ambiente ist gemütlich und zugleich stilvoll. Die Möbel sind alt, jeder Tisch, jeder Stuhl erzählt eine Geschichte. Blühende Oleanderbäume in Terracottatöpfen umsäumen die Terrasse. Endlich erspäht das i einen freien Platz – an einem Mahagonitisch, an dem bereits zwei Herren sitzen, der eine jünger, der andere älter. Der Ältere trägt einen Anzug, der Jüngere Rollkragenpullover, dazu einen Sweater, Militarylook.

Darf ich?“, fragt das i höflich.

Bitte!“

Die „Gartenlaube“ ist bekannt für ihren exzellenten Cappuccino, offenbar wissen das auch die beiden Tischnachbarn, die soeben dabei sind, Zucker in ihren Milchschaum zu rühren. „Der Kaffee hier ist einfach der Beste“, sagt der Jüngere mit Bassstimme, beugt sich nach vorn und ermahnt: „Nimm nicht so viel Zucker, Vater, der Arzt hat’s dir verboten.“

Stimmt, man lebt nur einmal“, pflichtet der Ältere bei und schaut zum i, das eben den neuen schwarzen Lederminirock aus der Tüte fischt. Bei wem könnte ich mit diesem Rock wohl Eindruck machen, überlegt das i, während es aus den Augenwinkeln den jüngeren Herrn betrachtet. Bei dem nicht, entscheidet es, zu kurze Haare. Und der Ältere? Puh! Der hat ja Wulstlippen!

Das i hat zwei Seidenstrumpfhosen zum Rock gekauft, eine knallrote und eine buntgemusterte. Während es nach den Strumpfhosen tastet, ohne sie aus der Tasche zu nehmen, hört es, wie der Jüngere meint: „Wenigstens haben sie von deiner Diabetes nichts geschrieben.“ „Wär noch schöner“, brummt der Ältere.

Der Jüngere nippt am Cappuccino, setzt die Tasse ab, schaut am i vorbei in die Ferne und sagt endlich, indem er sich zurücklehnt und die Beine streckt: „War volles Haus gestern“.

Meinst du die Journaille?“ erkundigt sich der Ältere, schaut den Jüngeren fragend an und tunkt sein Hörnchen in den Kaffee.

Der Jüngere gibt keine Antwort, der Ältere schweigt auch und schlürft, die Wulstlippe hängt herab. Beide starren vor sich hin.

Ein paar waren dabei, denen traut man nicht über den Weg“, fängt der Jüngere wieder an.

Jaja, Hauptsache negativ!“ sagt der Ältere grimmig und kaut auf dem Hörnchen. Das i grübelt, über wen wohl der negative Artikel geschrieben worden ist.

Stechschrittpazifisten“, sagt der Jüngere langsam und trüb.

Lügenpresse“, sagt der Ältere.

Der Cappuccino und der Bienenstich werden gebracht. Das i dankt und wirft dabei einen heimlichen Blick auf den älteren Herrn. Potz Blitz, das ist ja der General, der heute in der Zeitung kam! Über was beklagt er sich eigentlich? Das war doch ein sehr netter Artikel, zuvorkommend, empathisch, hat die Verdienste gewürdigt. Und der Jüngere neben ihm, denkt das i, ist wohl sein Sohn, wohl auch Soldat geworden. Hilfesuchend schaut das i hinüber zum Tisch mit den Freunden, aber da ist immer noch kein Platz, im Gegenteil, jetzt ist noch ein neuer Nachbar dazugekommen, der einen Stuhl über dem Kopf zum Tisch balanciert. Den Platz hätte ich mir auch angeln können, denkt das i trübsinnig. Plötzlich bricht es aus dem Jüngeren heraus:

Es ist immer dasselbe. Die Deutschen glauben ans Brunnenbauen und ans Goetheinstitut.“ Seine Stimme klingt gepresst, als würde etwas zurückgehalten, gehemmt, vielleicht ein Gefühl. Der will wohl bald losrennen, denkt das i.

Der Jüngere windet sich, ist aufgeregt, schiebt die Schultern vor und fährt mit zwei Fingern in den Rollkragen, um sich Luft zu schaffen.

Beruhige dich“, mahnt der Ältere, schaut nach rechts und links, beugt sich nach vorn und legt dem Jüngeren die Hand auf die Schulter. Der schüttelt sich.

Lass mich! Bequem sind sie und faul! Dabei .. gerade jetzt … der ganze Nahe Osten …! Ach was – alle Weltregionen!“

Vor allem gilt es, die Marine zu stärken“, meint jetzt der Ältere sagen zu müssen und zwinkert dem i zu. Woher weiß er, dass ich Schiffe mag, fragt sich das i.

Der Ältere hebt den Kaffee und schlürft, nicht nur zum Sohn, sondern auch zum i:

Wo bleibt Deutschlands Rolle als potenzielle Führungsmacht?“

Man wird Vorsorge tragen“, versichert der Sohn.

Man wird im Pulk ausrücken!“ freut sich der Alte.

Habe ich dir eigentlich vom letzten Einsatz in Kundus erzählt?“ erkundigt sich der Jüngere, der nun doch nach dem i Ausschau hält. Doch das i hat sich gerade umgedreht, hält seinerseits Ausschau nach dem Tisch mit den Nachbarn. Der Jüngere fängt an:

Soldaten sind harte Knochen, das weißt du ja. Ehrungen, Einsatzmedaillen, Auszeichnungen, Urkunden, die sammelt man, sind aber nicht wichtig. Soll ich dir sagen, was wichtig ist?“

Er beugt sich über den Tisch, und während das i die Strumpfhosen entschlossen in die Tüte zurückstopft und während die Kellner sich zwischen den antiken Tischen hindurch zwängen, die Sonne scheint, Kinderlachen erklingt und der Flieder duftet, der Oleander rosafarben und die Forsythien gelb blühen erklärt der Soldat dem Vater, was wichtig ist:

In Stellung gehen. Auf das Ziel feuern. Da bist du nur noch Adrenalin. Punktuell zuschlagen, möglichst hohe Verluste verursachen. In der Kampflinie funktionierst du nur noch. Der Rest ist Fingerübung. Der Mensch wird zur Silhouette, man sieht nur das Mündungsfeuer der Waffen. Der Puls rast. Fire and forget, wie die Robocops. Raketen, Panzerfäuste, Präzisionsgewehre, Handgranaten. Sprengstofffallen im Asphalt. Im Hochintensivgefecht zählt nur dein rechter und linker Flügelmann. Die kennen dich besser, als deine eigene Frau. Angriffsoptionen“, fährt er fort, „Aufklärungstechnik und AWACS! AWACS sind ihm vor allem wichtig, wegen der Sicherheit, dann natürlich schnelle Einsätze. Wir gelten als zuverlässige Partner“, versichert er. „Sturmhauben, Scharfschützen, schweres Maschinengewehr. Helikopter, Kommandosoldaten. Luftschläge und Detonationen, Bomberpiloten, Brandwaffen, Minen und Drohnen. Drohnen, eine interessante und vor allem humane Option. Überfällig! Embedded vom Schreibtisch aus. Nach dem Töten kommt das Plündern. Die Leichen haben wir auf Pick-ups geladen. Da war so manches zu finden. Die beiden Teppiche hast du ja gesehen. Einer liegt jetzt in Annikas Zimmer.“

Endlich, endlich stehen die Nachbarn auf. Aber nicht, weil sie weggehen wollen, sondern weil alle aufstehen. Alle sehen nach dem i. Das i, vor Schreck, ist mit dem Stuhl nach hinten gekippt. Alles rennt, beugt sich über das arme i. Was hält es denn krampfhaft in der rechten Hand? Es ist nur eine buntgemusterte Strumpfhose.

Kapitel 23

Das i war einmal woanders, jetzt ist es wieder da, wo es immer ist. Darüber ist das i betrübt, es will nicht da sein, wo es immer ist, es will dort sein, wo es woanders war. Dort war der Himmel blau, das Meer blau, die Luft blau, und die Sonne schien so warm und hell, dass alle Menschen froh und gesund waren. Dort lachten die Menschen immer, denkt das i verbittert. Jetzt ist natürlich alles anders. Das i schaut zum Fenster hinaus, es regnet. So etwas hätte es dort nicht gegeben, denkt das i. Das i geht einkaufen. Dort waren die Tomaten nicht grün und hart, sondern rot und weich, außerdem musste man nicht in den Supermarkt gehen, denn die Tomaten wuchsen auf dem Acker, in den musste man nur hineingehen, da wuchsen einem die Tomaten in den Mund. Dort gab es auch Aprikosen und Honigmelonen, was es hier freilich nicht gibt, denkt das i missmutig. Zuhause angekommen stopft das i Wäsche in die Waschmaschine. Dort wusch ich die Wäsche von Hand, denkt das i, das war praktischer. Das i schmeißt Spagetti in den Kochtopf. Dort aßen wir nur Salat, denkt das i, das war gesünder. Das Kind kommt nach Hause. Dort hatte das Kind längere Haare, denkt das i, das sah schöner aus. Am Abend steckt das i das Kind unter die Dusche. Der Duschkopf dort sah anders aus, denkt das i. Spätabends legt sich das i ins Bett, dort war das Bett härter, denkt das i, das war besser. Nachts träumt es von dort. Am anderen Morgen fängt das Ganze von vorne an. Das i stresst. Das i terrorisiert andere damit, dort sei es besser gewesen. Immerzu denkt das i an den anderen Ort, so lange, bis es die Gedanken nicht mehr aushält und wieder dorthin fährt, mit dem Kind. Endlich! Blaues Meer, blauer Himmel, blaue Luft, alle Menschen lachen und sind gesund. Entschlossen kauft sich das i am Meer ein Haus, um für immer dort zu bleiben. Doch bald bekommt es Heimweh und will wieder zurück. Tja – was jetzt tun? Peinlich!

Kapitel 22

Es ist Herbst, die Sonne scheint. Das i steht unter einem Quittenbaum, dessen buntes Laub im schrägen Licht schön leuchtet. Der Baum hängt voller goldgelber Quitten. Er ist nicht sehr hoch, doch an die Quitten, die ganz oben hängen, kommt das i nicht hin, selbst wenn es sich auf die Zehenspitzen stellt und sich ganz lang ausstreckt. Doch das macht nichts, denn überall, auch direkt vor der Nase des i hängen Quitten. Sie sind gelb und prall und glatt und sehen aus wie saftige, reife Birnen. Der Baum ist wie ein kugelrundes, farbiges Kunstwerk, über und über behängt mit goldenen Glocken. Das i pflückt eine Quitte und wiegt sie in der Hand. Sie ist schwer und überzogen mit gelbem Flaum. Das i streicht mit dem Daumen darüber, der Flaum fühlt sich an wie Zuckerwatte, nur angenehmer, denn er ist nicht klebrig. Das i reibt die Quitte ab und macht sie ganz sauber. Nun ist sie noch goldener, noch schöner und vollkommen glatt. Das i schnuppert an der gelben, prallen Quittenschale. Der Duft ist süß und säuerlich, wie Ananas, sehr fruchtig und sehr, sehr verlockend.

Das i öffnet den Mund und beißt hinein: bitter.

Kapitel 21

In nächster Nähe des i lebte ein Mensch, der traurig war. Um ihn abzulenken und aufzuheitern wollten sie einen Besuch in der Stadt machen.

Zunächst gingen sie auf einem langen, geraden Weg durch einen dunklen Wald. Über ihnen schlossen sich die Wipfel der Bäume. Immer wieder seufzte der Mensch tief auf, dann zuckte das i zusammen und sah den Freund mitleidig von der Seite an.

Schließlich gelangten sie in die Stadt, dort gab es viele Menschen und bald verlor das i den Freund aus den Augen.

Ich muss nur darauf achten, dass ich einen Menschen finde, der tief seufzt, dachte das i, dann werde ich den Freund schon bald wieder finden. Und das i achtete auf alle Menschen, die seinen Weg kreuzten. Aber bald bemerkte das i, dass alle Menschen, denen es begegnete, tief seufzten, und so war es nicht möglich, den Freund wieder zu finden.

So ging es auf dem langen Weg durch den Wald alleine wieder nach Hause.

Kapitel 20

Ein ganz privater Tag

Kürzlich war das i zum Adventskaffee bei einer Bekannten eingeladen.

Die Bekannte, die in einer Gründerzeitvilla wohnt, ist Rechtsanwältin und ihr Mann ist Unternehmensberater. Das i dagegen geht einem ganz gewöhnlichen Beruf nach und ist mit einem normalen Menschen verheiratet.

Auch stand das i bis vor wenigen Tagen noch kurz vor der Niederkunft, was es ebenfalls von seiner Bekannten unterscheidet, die niemals schwanger war und es vermutlich auch nie sein wird, denn ihr fehlt gewissermaßen die Waghalsigkeit, die man braucht, um einen solchen Schritt ins Unbekannte zu wagen. Dafür besitzt die Bekannte einen großen Freundeskreis. Alle Frauen in ihrer Umgebung, selbst ihre Putzfrau, bezeichnet sie als ihre Freundinnen, und das muss man ihr wirklich hochanrechnen!

Die Bekanntschaft der neuen Freundin hat das i vor noch nicht allzu langer Zeit jedoch nicht durch die Putzfrau gemacht, sondern durch einen Schlüsselbund, den die mit dem i neuerdings bekannte Rechtsanwältin auf der Straße verloren hatte, und den das i fand und den es, nachdem es auf einem angehängten Schildchen die Adresse gelesen hatte, bei ihr vorbeibrachte. Da allerdings platzte das i geradewegs in eine Party hinein, die dort veranstaltet wurde, und weil die Rechtsanwältin wegen des Schlüssels ehrlich erfreut und dankbar war, wurde das i auf einen Drink hereingebeten.

Gehen Sie auf Partys? Diese ganz privaten Partys, die so genannt werden, weil nur Auserwählte dort Zugang haben? Das i war zum ersten Mal auf einer solchen Party, und es hat ihm dort nicht sehr gut gefallen, weil die Gespräche, die dort geführt wurden, ihm zu süßlich – ja kann man sagen: schmeckten?

So oder so – vermutlich wird das i nicht mehr so schnell in den Genuss einer Party bei seiner neuen Bekannten kommen. Doch den Adventskaffee hat es noch mitgenommen, und der lief folgendermaßen ab:

Aus Gründen der Gemütlichkeit lädt die Rechtsanwältin in der Adventszeit an jedem Nachmittag jemanden ein, doch das i hat den Verdacht, dass sie die Qualität der Besucher mit der Zeit steigert, ähnlich einem Adventskalender, dessen verborgene Schätze mit der Zeit immer üppiger werden, bis dann am vierundzwanzigsten das Fach mit dem schönsten Innenleben geöffnet wird. Das i nämlich wurde am zweiten Dezember eingeladen (die Putzfrau, wie hinterher herauskam, am ersten). Eine gemeinsame Bekannte, die sehr viel öfter auf private Partys geht, darf dagegen am fünfzehnten kommen, eine befreundete Richterin, die gleichzeitig auch noch Stadträtin ist am zwanzigsten, und die Gattin des Bürgermeisters am dreiundzwanzigsten (und dazu noch abends!)!

Doch wir wollen nicht abschweifen. Und nichts läge ferner, als das i zu bedauern, das sich ganz allein und selbstverschuldet in diese Situation gebracht hat.

Begrüßt wurde es bereits am Eingang durch den Duft gebratener Äpfel, auch zogen Vanillesoßenschwaden durchs Haus. Doch das i liebt eher scharf gewürzte Speisen, was sich seit seiner Schwangerschaft, und seit dem Umstand, dass es das Rauchen aufgeben musste, noch verstärkt hat. Und in der Weihnachtszeit? Leider ist festzustellen, dass zu keiner Jahreszeit das i hin und wieder einen scharfen Schnaps nötiger hat als zu dieser süßen Plätzchen –, Stollen –, und Glühweinzeit. Überhaupt – kann man dem schwangeren i sein Völlegefühl verdenken? Weil aber das i um sein Ungeborenes besorgt war und weiß, was sich gehört, verzichtete es natürlich auf das Schnapssaufen während der Schwangerschaft. Doch stand der Bratapfelduft im hellen Gegensatz zu seinem Pflichtgefühl. Jedenfalls fühlte es sich schon satt, bevor es die Wohnung betreten hatte.

Die Bekannte hatte es sich selbst und ihrem Besuch gemütlich gemacht, wie sie überhaupt das Private überaus liebt. Auf den Tischen und in den Fensternischen brannten weiße Kerzen, leise klassische Musik erfüllte den Raum. Sie bewirtete das i mit Bratäpfeln und Vanillesoße, und dann sanken sie beide in die weichen Ledergarnituren.

In der Weihnachtszeit ziehe ich mich gerne ins Private zurück“, lächelte die Bekannte honigsüß. „Du nicht auch?“

Was sollte das i darauf antworten? Wer zieht sich nicht gern ab und an ins Private zurück? Andererseits arbeitet das i ebenso wie sein Mann in derselben öffentlichen Einrichtung, und das i war zu seiner neuen Bekannten mit öffentlichen Verkehrsmitteln gekommen. Und sie sind auf die öffentliche Kindertagesstätte in ihrem Wohnviertel angewiesen, weil das i in ungefähr einem Jahr wieder arbeiten gehen will.

In der Weihnachtszeit schon“, versicherte das i schnell. Doch es war ihm bereits schlecht geworden, und es schielte zur Schnapsbatterie, die der Mann der Bekannten auf dem Wohnzimmerbuffet aufgebaut hatte. Aber die Bekannte ignorierte den sehnsüchtigen Blick. Stattdessen sagte sie:

Da du ja keinen Alkohol trinken kannst, habe ich extra für dich einen Kinderpunsch gekocht. Na, Appetit ?“

Unter diesen Worten war sie aufgestanden, um dem i aus einer mit Rosen bemalten Teekanne eine rote, dampfende, süß duftende Flüssigkeit in eine mit Rosen bemalte Tasse zu gießen.

Das i war so satt. Ihm quoll bereits die Vanillesoße zum Mund heraus, und es konnte nur stumm mit dem Kopf nicken. Es hoffte, mit dem heißen Gebräu die Soße wieder hinunter würgen zu können, doch als es die Tasse zum Mund hob, machte sein Kind einen enormen Satz, als wehrte es sich. Das Ärmste! Das i hatte Mitleid mit ihm und setzte die Tasse wieder ab.

Ha … hast du eine Knoblauchzehe?“, fragte es mit zusammengebissenen Zähnen.

Aber die Bekannte konnte die Frage nicht verstehen, da das i sie zu leise gestellt hatte. Nun setzte sie sich zum i auf die Couch und begann zu plaudern. Sie ist sehr taktvoll, die neue Bekannte, daher erzählte sie nur kurz von der kleinen, aber gut gehenden Anwaltskanzlei, in der sie halbtags zu arbeiten pflegt, und nur kurz von dem kleinen, ganz privaten Chalet in der Schweiz, wo sie und ihr Mann Silvester verbringen würden. Daraufhin fragte sie gleich:

Was habt ihr an Silvester vor?“

Ich hoffe, dass ich diese Tage nicht im Krankenhaus verbringen muss“, antwortete das i.

Ich kenne da eine ganz private, kleine Klinik“, begann die Bekannte. „Sie liegt auf dem Land, aber …“

Wir gehen zur Geburtsvorbereitung in die städtische Frauenklinik“, unterbrach sie das i.

Ach die“, schwadronierte die Bekannte, „die arbeiten dort ja so ineffizient! Du weißt ja, die Firma meines Mannes hat sich auf die Beratung von Krankenhäusern und öffentlichen Einrichtungen spezialisiert. Mein Gott, diese Ineffizienz! Hier müsste privatisiert werden. Die Steuergelder, die dort verschwendet werden. Man wird mit dem eisernen Besen durchkehren!“

Das Kind boxte, als übe es schon, und das i erhob sich, um ihm bei seinen Übungen mehr Platz zu geben.

Nun ging es dem i etwas besser, und es begann langsam auf und ab zu schreiten. Dann tat es so, als bliese es gedankenverloren eine Kerze aus, dabei wollte es nur den süßen Vanilledampf mit einem anderen Geruch ein wenig entschärfen. Es beugte sich über den Kerzenqualm und atmete gierig den Paraffingestank ein.

Hatte das i vergessen, der neuen Bekannten zu erzählen, wo sein Mann und es selbst arbeiteten? Diese Frage hat es die ganzen letzten Tage beschäftigt.

Denn nun stellte sich heraus, dass die Bekannte keinen Zugriff zur Schnapsbatterie benötigte, um in Rauschzustände zu geraten.

Ineffizienz …“, quoll es wie süchtig aus ihrem Mund und floss gleich Kaskaden aus Vanillesoße plätschernd und klebrig zu Boden, „Deregulierung …, Missstände …, notwendiger Arbeitsplatzabbau …“, spinntisierte sie, „Prüfstand …, Privatisierung“, und dann:

Als nächstes ist das … an der Reihe“, und sie nannte den Arbeitsplatz des i und seines Mannes.

Aber“, fuhr sie fort, und erhob sich ebenfalls, „du bist ja ganz blass geworden. Setz dich doch wieder, oder nein, besser, nimm noch ein paar Löffel von meiner Soße mit echter Bourbonvanille.“

Bevor das i etwas erwidern konnte, hatte sie schon ein Schälchen gefüllt und näherte sich mit der gelben Pampe bedrohlich seinem Gesicht. Der Pudding schwabbelte, und der süßliche Gestank zog unerbittlich seine Nase hoch. Die Bekannte hob den Löffel, die Soße tropfte und die Tropfen blubberten im gelben Matsch.

Süß lächelte die Bekannte, und der Löffel kam immer näher.

Da geschah es. Sein Kind half ihm. Aber ach, wie quälte sich das i zuvor, wie übel war ihm! Es wusste sich nicht zu helfen. Dann der heftige Stoß in den Magen – verzweifelt presste es den Mund fest zusammen. Aber weder die Bekannte noch das i hatten mit dem Baby gerechnet, das, offensichtlich empört, sich plötzlich entschlossen hatte, mit einem energischen Fußtritt die Fruchtblase zu durchstoßen um seiner Mutter beizustehen. Denn plötzlich ergoss ein Schwall warmen, rötlichen Wassers sich über die Beine des i und bildete eine Pfütze auf dem weißen, weichen Berberteppich der Bekannten. Immer noch hielt das i tapfer seinen Mund verschlossen. Doch die Pfütze auf dem Boden vergrößerte sich mehr und mehr, wurde rot und röter, und nun ergoss sich das Wasser in einer langen Spur auf dem Boden, denn das i war in seiner Not zum Schnapsschrank gewankt, an dem es sich nun festhielt.

Das Kind kam effizient und in privatem Kreis in der städtischen Frauenklinik zur Welt. Und als das i wenige Tage später nach Hause kam, sagte es zu seinem Mann.

Ich muss dir etwas erzählen. Aber zuvor solltest du dir und mir einen Schnaps einschenken.“

Kapitel 19

Das i floh im Galopp vor einem Menschen, den es liebte. Da begegnete es einer Gruppe von Freunden, und es flehte:

Helft mir doch!“

Einer der Freunde rief: „Warum fliehst du denn vor dem Menschen, wenn du ihn doch liebst?“

Das i rief antwortend im Weiterrennen: „Seht ihr denn gar nicht, dass der Mensch nicht mich bedroht, sondern euch!“